10.02.15

VBEW zum Energiedialog des Bayerischen Wirtschaftsministeriums - Energiedialog: Ein richtiger, aber nicht hinreichender Schritt

Die Energiewende befindet sich in Bayern aktuell in einer entscheidenden Phase der Umsetzung. Es geht vor allem um die von der Politik schon sicher geglaubte vielbeschworene Akzeptanz in der Bevölkerung. Der von der Bayerischen Staatsregierung initiierte Energiedialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen war deshalb wichtig und richtig. Die Diskussionen im Energiedialog waren konstruktiv, alle divergierenden Interessen wurden eingebracht. „Der Dialog zeigte auf, dass die Energiewende letztlich nur im breiten gesellschaftlichen Konsens zu meistern sein wird. Jetzt gilt es, nicht nur in Bayern, sondern auch mit dem Bund einen politisch tragfähigen Kompromiss zu finden, der vor allem energiewirtschaftlich sinnvoll ist,“ sagte Wolfgang Brandl, Vorsitzender des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft e.V. – VBEW.

von links: Detlef Fischer (VBEW), Wolfgang Brandl (VBEW), Dr. Albrecht Schleich (RMD), Michael Amerer (Verbund).

Der Abschluss des Energiedialoges hat dazu mehrere im Kern widersprüchliche Fragen aufgeworfen:

  • Wie kann es gelingen, den Neubau von Gaskraftwerken in Bayern zu verwirklichen, wenn schon heute bestehende Gaskraftwerke unrentabel sind?
  • Wie soll das ohne Strompreissteigerungen für Industrie und Haushalte – wie von der Bayerischen Staatsregierung für erforderlich gehalten – möglich sein?
  • Wie kann sich Bayern dem Abtransport von Windkraftstrom aus Nord- und Mitteldeutschland künftig verweigern und gleichzeitig den eigenen überschüssigen Photovoltaikstrom weiter exportieren und von allen bezahlen lassen?
  • Wie kann der Ausbau der Übertragungsnetze – wie von der Staatsregierung gewünscht – auf das aus bayerischer Sicht unbedingt notwendige Maß reduziert werden, wenn Bayern gleichzeitig vom europäischen Strombinnenmarkt profitieren will und eine eigene teurere Preiszone verhindern möchte?

„Für die Auflösung dieser Widersprüche liegt der Ball im Spielfeld der Politik. Die bayerische Energiewirtschaft wird ihren Beitrag zur weiteren Umsetzung der Energiewende leisten. Dafür benötigt sie ein schlüssiges Gesamtkonzept, um die dafür notwendigen Investitionen auf belastbarer Grundlage zu leisten. Denn der Politik sollte bewusst sein: Wir bauen für viele Jahrzehnte und nicht nach dem Turnus der Wahlperioden. Wir brauchen langfristige Investitionssicherheit. Und egal für welche Variante man sich entscheidet, eine Energiewende, die man im Landschaftsbild nicht sieht, kann und wird es nicht geben“, stellte Wolfgang Brandl fest.

Der Strombedarf in Bayern wird pro Jahr bis 2023 wie in den letzten Jahren rund 90 TWh betragen. Der maximale Bedarf an Leistung, der rund um die Uhr zur Verfügung stehen muss, wird bei 12,5 GW liegen. Das entspricht in etwa einem Park von 10 bis 15 Großkraftwerken oder mehreren hunderttausend kleinen Blockheizkraftwerken. Nach dem Abschalten aller bayerischen Kernkraftwerke bis zum Jahr 2022 gilt es, eine Deckungslücke von rund 40 TWh und eine Kapazitätslücke von mindestens 5 GW zu schließen. Wie dies unter den Prämissen „Energiewende“ und „einem marktwirtschaftlich organisiertem europäischen Stromhandel“ am besten gelingt, wurde in den vergangenen Monaten in vielen Sitzungen im Rahmen des Energiedialoges intensiv diskutiert.

Umsetzung der Energiewende bedarf zuverlässiger politischer Rahmenbedingungen
Die Investitionen in der Energiewirtschaft sind auf viele Jahrzehnte angelegt. Von der Politik einmal getroffene strategische Entscheidungen zur Ausrichtung der Energieversorgung haben daher für viele Jahre für die Energieversorger hohe wirtschaftliche Bedeutung. Die Investoren, ganz egal, ob sie privatwirtschaftlich, kommunal oder genossenschaftlich organisiert sind, benötigen langfristig gültige Rahmenbedingungen. Insbesondere ist der bundesdeutsche Ordnungsrahmen für die Energiewende so zu gestalten, dass die notwendigen Investitionen in die Modernisierung und den Ausbau der Energieinfrastruktur unter zuverlässigen politischen Rahmenbedingungen geleistet werden können. Allerdings hat auch das Hin und Her der bayerischen Energiepolitik in letzter Zeit nicht gerade die Zuversicht der Energiewirtschaft gestärkt, Geld für neue Projekte in die Hand zu nehmen. „Wir wünschen uns, dass Bund und Bayern bei der Umsetzung der Energiewende an einem Strang ziehen und sich die Bundesländer nicht gegenseitig ausspielen“, bekräftigte Wolfgang Brandl.

Versorgungssicherheit
Was Bayern braucht, ist Versorgungssicherheit mit Energie für Industrie, Gewerbe und Haushalte. Wie man dies möglichst preisgünstig und mit den Zielen der Energiewende vereinbar realisiert, wird die zentrale Aufgabe der nächsten Jahrzehnte der bayerischen Politik in Zusammenarbeit mit der Energiewirtschaft sein. Hierzu ist es notwendig, dass die Zusammenführung der regenerativen und der für viele Jahre noch in erheblichem Umfang benötigten fossilen Energieträger nachhaltig gelingt – also sowohl technisch als auch wirtschaftlich rentabel und möglichst umweltschonend. Was dafür unabdingbar neben viel intelligenter Technik benötigt wird, sind gesichert zur Verfügung stehende Stromerzeugungskapazitäten. Ob diese im Schwerpunkt innerhalb oder außerhalb Bayerns stehen hat technische, wirtschaftliche und symbolische Vor- und Nachteile. Die bayerische Energiewirtschaft tritt für einen ausgewogenen Standort-Mix ein. An einem sinnvollen Ausbau der Strom- und Gasnetze auf allen Spannungsebenen und Druckstufen wird man aber in keiner Variante vorbeikommen. „Es gilt, der betroffenen Bevölkerung aufzuzeigen, dass man in Bayern auch Großprojekte sehr umwelt- und landschaftsverträglich und damit bürgerfreundlich realisieren kann. Dazu ist der Sachverstand der Planer und Ingenieure unter Heranziehung des technischen Fortschrittes gefragt“, erklärte Wolfgang Brandl.

Erneuerbare Energien
In Zukunft muss Qualität vor Quantität gehen. Der schönste Strom aus Wind und Sonne nützt nichts, wenn er nicht gebraucht wird und von der Netzinfrastruktur nicht weitergeleitet werden kann. Die Stromversorgung muss insbesondere auch dann sichergestellt sein, wenn Wind und Sonne eine Pause machen. Auch die Erneuerbaren müssen stärker in die Pflicht genommen werden, den Strom bedarfsgerechter zur Verfügung zu stellen. Deswegen ist es auch nicht schlimm, wenn das ursprüngliche Ziel, im Jahressaldo etwa 50 Prozent des benötigten Stroms aus heimischen erneuerbaren Energien zu erzeugen, bis zum Jahr 2021 nicht ganz erreicht wird. Es kommt viel mehr darauf an, die Systemintegration der erneuerbaren Energien voranzutreiben. In Bayern werden im Jahressaldo rund ein Drittel des Stromverbrauches bereits durch erneuerbare Energien gedeckt, in den Verbrauchssektoren „Mobilität“ und „Gebäudewärmebedarf“ dominieren weiter die fossilen Brennstoffe. Es ist sehr sinnvoll und viel günstiger, in den nächsten Jahren in diesen Bereichen genauso ehrgeizige Ausbauziele zu definieren und umzusetzen, als sich weiterhin nur auf eine volatile Stromerzeugung nach dem Prinzip „produce and forget“ zu konzentrieren. „Wir müssen die Verbrauchssektoren ‚Strom‘, ‚Wärme‘ und ‚Mobilität‘ auf der Grundlage erneuerbarer Energien besser miteinander vernetzen“, stimmte Wolfgang Brandl der Auffassung von Frau Aigner zu.

Speichertechnologien
Je weiter der Ausbau der volatilen Stromerzeugung aus Sonne und Wind voranschreitet, desto dringender werden Speicherkapazitäten benötigt, die nicht nur für wenige Minuten oder Stunden, sondern kontinuierlich für Tage oder gar Wochen Elektrizität bereitstellen können. „Uns war es im Energiedialog wichtig, herauszuarbeiten, dass es unter den aktuellen Rahmenbedingungen auch in den nächsten Jahren nicht möglich sein wird, dass Speicher schon substanzielle Beiträge dafür leisten können, um eine Dunkelflaute (längere Zeitphase mit wenig Strom aus Sonne und Wind) zu überbrücken. Speicher werden in den nächsten Jahren vor allem Systemdienstleistungen zur Verfügung stellen können, aber es beispielsweise auch den Photovoltaikanlagenbetreibern ermöglichen, den über Mittag bei Sonnenschein produzierten Strom am gleichen Abend zu verbrauchen. Auch das sind wichtige Beiträge und diese können zu einem weniger umfangreichen Stromnetzausbau führen. Denn die Bayern sollten nicht vergessen, dass sie an Wochenenden mit viel Sonnenschein um die Mittagszeit und wenig Stromverbrauch den Strom aus ihren Photovoltaikanlagen über die bereits vorhandenen Stromleitungen weit über bayerische Landesgrenzen hinausschicken“, erklärte Wolfgang Brandl.

Energie sparen
Der VBEW unterstützt das Anliegen der Bayerischen Staatsregierung, verbesserte Rahmenbedingungen für die energetische Gebäudesanierung zu schaffen und für einen sparsamen Umgang mit Elektrizität zu werben. Aber eine erfolgreiche Energiewende ist auch eine Mobilitätswende. Denn mit jährlich rund 30 Millionen Tonnen CO2 ist vielmehr der Verkehr – im Wesentlichen getragen durch den Energieträger Mineralöl – mit großem Abstand der bedeutendste Sektor für den energiebedingten CO2-Ausstoß in Bayern. Die bayerische Energiewirtschaft setzt sich für die emissionsarme Elektro- und Erdgasmobilität ein. Die Fahrzeugindustrie bietet mittlerweile insbesondere PKWs aber auch kleinere Transportfahrzeuge an, die sich für den Kurz- und Langstreckenbereich eignen. „Wer mit Elektro- oder Erdgas- bzw. Biomethanautos unterwegs ist, kann sehr viel für die erfolgreiche Umsetzung der Energiewende tun. Viele unserer Mitgliedsunternehmen achten bei der Beschaffung ihrer Flotten auf den CO2-Ausstoß der Fahrzeuge. Wir wünschen uns von der bayerischen Wirtschaft und der Bayerischen Staatsregierung noch deutlich mehr Engagement, eine möglichst nachhaltige Mobilität voranzubringen“, stellte Wolfgang Brandl abschließend fest.

 

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