04.11.13

Massiver Ausbau der Energienetze unerlässlich: Bayerische Wirtschaft untersucht Handlungsbedarf bis 2022

Im Februar 2012 schlitterte Süddeutschland knapp an einem Blackout im Stromnetz vorbei. Rund 250 Industriebetriebe reduzierten ihren Verbrauch, gingen vom Netz oder schalteten ihre Gaskraftwerke auf Öl um, damit aus dem Engpass im Gasnetz kein Flächenbrand wurde. „Eine instabile Strom- und Gasversorgung bis hin zu Blackouts können wir uns aber in Bayern auf keinen Fall leisten“, sagt Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK). Die bayerischen IHKs haben deshalb zusammen mit dem Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (VBEW) untersuchen lassen, welche Netzausbauprojekte für eine sichere Versorgung unverzichtbar sind, wenn in den kommenden neun Jahren alle Kernkraftwerke abgeschaltet und die erneuerbaren Energien weiterhin kräftig ausgebaut werden. „Wir wollen einen zentralen Zusammenhang der Energiewende darstellen: Sie bringt einen massiven Um- und Ausbau der Strom- und Gasnetze mit sich und nur eine gut ausgebaute Netzinfrastruktur führt zu einer volkswirtschaftlich vernünftigen Energieversorgung“, sagt Detlef Fischer, Geschäftsführer des VBEW. Der Traum von der Energieautarkie von Gemeinden oder sogar Städten sei dagegen schnell ausgeträumt, wenn die Sonne sich hinter dickem Hochnebel verstecke und der Wind zu schwach sei.

Link auf die Studie s. unten

Auch wenn die Optimierung der bestehenden Leitungen Vorrang habe, so ein Ergebnis der Studie, führt kein Weg am Ausbau der Energienetze in Bayern vorbei.

So müssen über 1000 Kilometer Stromfernleitungen verstärkt und knapp 650 Kilometer neu gebaut werden. Hinzu kommen 230 Kilometer neue Gasfernleitungen. Eine weitere große Herausforderung liege darin, die notwendigen Stromverteilernetze zu errichten. Lokal überschüssiger Wind- und Photovoltaikstrom muss immer häufiger in höhere Netzebenen transportiert werden, um auch in größeren Entfernungen genutzt werden zu können. Neben den Stromleitungen müssten deshalb flächendeckend neue Umspannwerke und Ortsnetzstationen errichtet werden. „Insgesamt sind alleine für die gesamte neue Netzinfrastruktur in Bayern Investitionen von rund 6,6 Milliarden Euro nötig“, so Driessen.

Neben den Kosten sieht die Wirtschaft noch ein weiteres Problem. Wenn der Neubau von Übertragungsleitungen nach wie vor nur mit knapp 40 Kilometern pro Jahr vorankomme, würden die im Netzentwicklungsplan bis 2022 stehenden 8000 Kilometer in Deutschland erst in 200 Jahren fertig.

Das wichtigste und vordringlichste Projekt sieht die Wirtschaft in der „Thüringer Strombrücke“. Diese Leitung zwischen Altenfeld in Thüringen und Redwitz in Oberfranken verbindet das bayerische mit dem norddeutschen Stromnetz. Sie ist heute schon häufig überlastet. Mit der Abschaltung weiterer Kernkraftwerke in Bayern wird die von dieser Leitung zu transportierende Strommenge noch einmal kräftig steigen. Das Projekt soll, so die Planung, bis Ende 2015 fertig sein, wenn das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld vom Netz geht. “Sollte das nicht gelingen, wovon man realistisch gesehen ausgehen muss, wäre ab 2016 die Sicherheit der Stromversorgung in Bayern gefährdet“, warnt der BIHK-Chef.

Das zweite unverzichtbare Projekt aus Sicht der Wirtschaft ist die geplante 85 Kilometer lange Erdgasleitung „MONACO 1“ von Burghausen nach Finsing. Wie der Engpass 2012 gezeigt habe, wäre sie schon heute nötig. Ab 2022 sind noch weit höhere Transportkapazitäten gefragt, um die Gaskraftwerke versorgen zu können. Bau und Inbetriebnahme bis 2017 seien noch realistisch. Aber nur dann, so Driessen, wenn Politik, Öffentlichkeit und Verwaltung hierbei konsequent an einem Strang – und in die gleiche Richtung – ziehen würden.

Die Energiewende, warnt auch VBEW-Geschäftsführer Fischer, rüttele ganz gewaltig an unserem Lebensstil: „Man kann vor allem den wirtschaftlich erfolgsverwöhnten Bayern nur wünschen, dass sie rasch aufwachen von ihrem Traum, eine Energieversorgung aufbauen zu können, die maßgeblich nur auf heimischen erneuerbaren Energien beruht.“ Für das Gelingen der Energiewende bedürfe es einer ganzheitlichen Sichtweise, die Einspar- und Effizienzpotentiale bei Erzeugung und Verbrauch in allen Energiebereichen berücksichtigt.

BIHK/VBEW-Studie "Energienetze in Bayern. Handlungsbedarf bis 2022"

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